Verdichtung und Reduktion - Neue Zeichnungen von Cesa Wendt
Seit ca. einem Jahr haben die Zeichnungen von Cesa Wendt eine spannende Richtung eingeschlagen. In mehreren neu entwickelten Zeichnungsserien hat die Künstlerin ihr bisheriges Repertoire erweitert und die formalen Grenzen weiter abgesteckt. Ihre Handschrift bleibt dabei unverkennbar.
Charakteristisch für die Zeichnungen von Cesa Wendt ist der Einsatz unterschiedlicher formaler Elemente, die sich spannungsreich zueinander verhalten und die gesamte Komposition gewissermaßen „aufladen“. Der Ausgangspunkt dafür wird in der zeichnerischen Geste gelegt. Die Handbewegung mit dem Zeichenstift setzt sich auf dem Papier als Ausdruck unmittelbaren Handelns fort. Dem Betrachter vermittelt sich die Dynamik und Expressivität der Bewegung. Mit schwungvollen, kreisenden, abgehakten oder bedächtigen Linien wandert die Künstlerin über das Blatt und setzt die so entstehenden Formen zueinander in Beziehung.
Durch Akzentuierung und Ausarbeitung des aufgebauten Gefüges entwickeln die entstehenden Formen eine Körperlichkeit und erhalten durch weitere zeichnerische Akzente einen Zuwachs an Persönlichkeit. Als formal bereicherndes Element setzt Cesa Wendt häufig weitere Materialien ein, in den neuen Arbeiten sind es vor allem transparente Buntpapiere. In Verbindung mit Materialien wie Bleistift, Farb- und Tuschestift, Kohle und Aquarellfarben, entsteht Cesa Wendts Kosmos.
In der kürzlich entstandenen Serie „Vage Existenzen“ treten elliptische, in zarten Tuschestrichen gezeichnete Formen, als Akteure auf. Wie sichtbar gemachte Umlaufbahnen schweben sie im undefinierten Raum. Ein orangefarbenes Transparentpapier, sowie ein mit Kohlestift ausgeführter Kontrapunkt füllen den Kern, das Zentrum des „Lebewesens“. Spontan gesetzte Kohlestriche verbinden die Formen miteinander oder tasten in den leeren Raum.
Tatsächlich fällt es schwer, die abstrakten Formen nicht als unbeseelt zu erleben. Assoziationen an soziale Gefüge und verbundene Existenzen drängen sich förmlich auf. Ob man Pantoffeltierchen, Insekten oder riesige Galaxien vor Augen hat, ist dabei irrelevant. In einem sehr elementaren Sinne geht es um das Miteinander und das Gegeneinander, das Allein-, zu zweit oder in der Gruppe sein, um Anziehung und Abstoßung, um Dialog, Begegnung und Geborgenheit. Es geht um all das, was eine Gemeinschaft individueller Existenzen ausmacht. Mit Bedacht gewählte Titel wie „Vermessung des Raumes“, „Spürsinn des Orkans“ oder „Energetische Besonnenheit“, verweisen auf charakteristische Merkmale in den jeweiligen Zeichnungen, ohne den Spielraum für verschiedene Interpretationen einzuschränken oder vorwegzunehmen.
Mit ihrer jüngsten Zeichnungsserie „Verdichtungen“ dehnt Cesa Wendt die Grenze der Abstraktion für sich aus. Eine konsequente Reduktion auf das Zeichenmaterial Tusche ist ein wesentliches Merkmal der neu entstandenen Arbeiten. Die an Urformen erinnernden kugelig-runden Gebilde, definieren sich durch eine engmaschige und unregelmäßige Struktur, die in der Art eines Geflechtes beweglich und gleichzeitig fest verwoben erscheint. Ihre hochkomplexe Spannung beziehen die Formen allein aus dem subtilen Gewebe selbst, das mit Tuschestiften verschiedener Stärken in zahlreichen Schichten von innen heraus aufgebaut wird. Ein weiß gebliebener, unbearbeiteter Kern bildet eine Öffnung, die den Blick ins Leere führt. Unterschiedliche Dichtigkeit in der Struktur oder kleine, an den sich kreuzenden Linien gesetzte Punkte bringen Differenzierungen der Binnenform, mit denen die Künstlerin experimentiert. In undefinierter Umgebung entwickeln die „Verdichtungen“ eine starke räumliche Wirkung und bringen ihr eigenes Volumen mit, das sich von der Fläche zu lösen scheint.
Gudrun von Schoenebeck, Mai 2011
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